Nachrichten - 13th December 2017
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So fing alles an – Das Interview mit Paul Sinton-Hewitt

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Paul Sinton-Hewitt hat parkrun gegründet. Eine weltweite Bewegung, die Tausende dazu gebracht hat, jeden Samstag um 9:00 Uhr fünf Kilometer auf Zeit zu laufen. Wir haben ihn in Richmond getroffen, nicht weit vom Bushy Park, wo 2004 alles begann. Wie die meisten Gespräche mit Läufern begann auch dieses mit dem Austausch über die kleinen Wehwehchen die das Laufen so mit sich bringt. Paul hat im Moment Knieprobleme. Er erzählt, dass es letztlich auch eine Verletzung war, die ihn überhaupt erst auf die Idee für parkrun gebracht hat.

 

Es passierte, als ich für den London Marathon trainierte und 100 Meilen (160 km) pro Woche lief.

 

Ich war bei einem Lauf in einer größeren Gruppe unterwegs und ich hatte meinen Hund dabei. Bei einer Rechtskurve musste ich durch eine Hecke und über einen Graben springen. Gerade als ich abbiegen wollte, sprang mir mein Hund zwischen die Beine. Ich versuchte noch auszuweichen, richtete mir dabei mein linkes Bein aber ziemlich übel zu.

 

Ich war also verletzt. Es waren aber auch noch einige andere Dinge, die mich dazu brachten, über ein Lauf-Projekt nachzudenken. Ich glaube, das ist recht oft so. Wenn wirklich gerade alles schlecht läuft, denkt man: „Naja, ich hab ja nichts zu verlieren. Warum soll ich dann nicht das tun, wozu ich gerade Lust habe?“

 

Ich war vorher verheiratet gewesen. In den fünfzehn Jahren nach meiner Scheidung hatte ich Beziehungen mit klassischer Bindungsangst: sobald ich dachte, dass etwas Ernsteres daraus entstehen könnte, flüchtete ich.

 

Beruflich war ich sehr erfolgreich. Ich wurde öfter befördert als ich das wahrscheinlich verdient hatte. Letztlich war ich Marketingchef in einer Softwarefirma. Es gab Differenzen und ich stritt mich mit der Führungsetage. Und wurde gefeuert! Mir war schon einige Male gekündigt worden, aber auf diese Weise rausgeschmissen zu werden, das war etwas ganz Anderes. Es war ein sehr negatives Erlebnis für mich.

 

„Eigentlich wollte ich einfach nur etwas entwickeln, das sicherstellt, dass ich einmal in der Woche ein paar Stunden mit meinen Lauf-Freunden verbringen kann.“

 

Da stand ich also: keine nennenswerte Beziehung, keinen Job und aufgrund der Verletzung keine Möglichkeit meinen Lauf-Sport zu betreiben. Dabei war nicht laufen zu können für mich das Schlimmste! Es ging dabei gar nicht so sehr ums Laufen selbst sondern vielmehr vermisste ich die Menschen, die ich mit dem Laufen verband.

 

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Ich habe genug Erfahrung um zu wissen, dass – egal was dir im Leben passiert – du am Positiven festhalten musst. An den Dingen, die dir wichtig sind. Und das Positive in meinem Leben waren meine Lauffreunde. Da ich also zu der Zeit eh nicht laufen konnte und es auch nicht absehbar war wie lange das noch andauert, beschloss ich, dass ich nun mit meinen 44 Jahren der Laufgemeinschaft auch etwas zurückgeben könnte.

 

Also überlegte ich mir, was ich machen könnte. Etwas, das es bisher noch nicht gab und wovon meine Laufgemeinschaft profitieren könnte. Eigentlich wollte ich einfach nur etwas entwickeln, dass sicherstellte, dass ich mich einmal in der Woche mit meinen Lauffreunden treffen konnte.

 

Ich plante den Samstag-Morgen-Lauf daher so, dass das Laufen einfach und unkompliziert sein würde. Es würden nur wenige Helfer gebraucht. Einfach auftauchen, laufen und letztendlich Kaffee trinken gehen.

 

Das mit dem Kaffee trinken klappte sofort. Wir waren nach dem Lauf immer bei Nero’s in Teddington und unterhielten uns. Ich erstellte nebenbei die Ergebnisse. Das waren damals noch einfache Exceltabellen.

 

Ich habe immer einen Bericht geschrieben und ihn an die Richmond and Twickenham Times geschickt und hoffte, dass sie die Ergebnisse veröffentlichen würden. Dies wiederum sollte weitere Läufer anspornen bei uns mitzulaufen.

 

Aber meine Berichte wurden ignoriert. Woche für Woche. Ich dachte mir: „Gut, dann mache ich eben eine Webseite.“ Und mit der Webseite erstellte ich auch eine Datenbank.

 

So fing alles an: parkrun war geboren!

 

Das klingt als wäre alles von Anfang an gut durchorganisiert gewesen.

 

Das liegt an meinem Hintergrund als Softwareingenieur. Ich habe für sehr große Firmen gearbeitet. Banken und Versicherungsunternehmen mit bis ins Detail ausgearbeiteten Abläufen und der dazugehörigen Dokumentation. Daher wusste ich auch, dass ich ein Regelwerk erstellen musste, dass für alle zugänglich ist. Sodass alle, die bei parkrun mitmachen, sofort wissen, wofür wir stehen, und wie alles läuft. Deshalb haben wir ein Regelwerk und einen guten Fundus an Anleitungen und Richtlinien, die allen Helferinnen und Helfern zur Verfügung stehen.

 

Konntest du dir damals vorstellen, welche Ausmaße parkrun einmal haben würde?

 

Nein. Wir wussten nur, dass es gut war. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Es war mir immer wichtig gewesen, dass alle willkommen waren: mit Kind, mit Hund, mit Kinderwagen. Es sollte keine unnötigen Hindernisse geben.

 

„Ich habe mich lange dagegen gewehrt, mehr als einen parkrun auszurichten.“

 

Anfangs dachte ich, dass es hauptsächlich Leute aus meinem Verein sein würden, die mitmachen. Irgendwann waren immer mehr Menschen dabei, die nichts mit meinem Verein zu tun hatten. Ich fing an, unsere Werte und das was wir geschaffen hatten wirklich wertzuschätzen. Diese Leute kamen dann zu mir und fragten „Warum machst du nicht mehr davon?“
Ich habe mich lange dagegen gewehrt, mehr als einen parkrun auszurichten.
Ein guter Freund, Jim Desmond, fragte immer: „Und? Machen wir noch einen?” und ich sagte „Nein, warum sollten wir? Machen wir es nicht unnötig kompliziert.“

 

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Du hattest Angst, dass es kompliziert wird?

 

Nicht nur das. Ich weiß genug über Marketing um zu verstehen, dass das, was wir hatten nicht wirklich ein Produkt war. Es würde sich nicht zu Geld machen lassen und das war auch nicht mein Ziel. Aber wenn parkrun weiter wachsen sollte, musste ein Einkommen her und wir würden einiges ändern müssen. Ich wusste, dass ich das nicht wollte.

 

Kurz dachten wir an Werbung oder daran, irgendetwas zu verkaufen. Aber das hätte einfach alles, wofür wir stehen, kaputt gemacht.

 

Jim konnte mich allerdings irgendwann überzeugen einen zweiten parkrun auszurichten, Wimbledon parkrun. Er plante alles und im Januar 2007 ging es los.

 

Für mich war es eine große Sache, mich von Bushy Park zu lösen. Wer schon einmal einen parkrun geleitet hat, weiß wovon ich spreche. Es fühlt sich irgendwie so an, als würde einem der jeweilige parkrun gehören. Ich musste das alles aufgeben und andere ranlassen.

 

Die Zukunft von parkrun hatte begonnen.

 

Ich sagte zu Jim: Wir geben dem Ganzen zwölf Wochen. Wir probieren es aus und wenn es nicht klappt, packen wir eben alles wieder ein und gehen zurück in den Bushy Park.

 

Wimbledon parkrun wurde super aufgenommen. Wir luden alle, die Lust hatten mitzumachen nach dem Laufen in den Pub ein. Es kamen ungefähr zwölf Leute und sie wollten alle im Team sein. Ich gab also wieder die Zügel aus der Hand und im Großen und Ganzen leitet dieses Team den Wimbledon parkrun immer noch.

 

Ich habe in Wimbledon Pfeile aus Sägespänen gesehen. Gab es die von Anfang an?

 

Oh, ja, wir hatten sehr viel Ärger mit der Parkaufsicht. Die ist schließlich dafür zuständig den Park zu beschützen. Als sie sahen, dass wir für die Markierungen Mehl verstreuten, wussten sie, dass das nicht gut für Flora und Fauna war. Deshalb benutzen wir seitdem Sägespäne.

 

Die Strecke war zuerst auch nicht dort, wo sie heute ist. Es waren Pferde auf der Strecke! Das konnte nicht lange gut gehen. Wir trafen uns mit der Leitung des Reitstalles und fanden einen Kompromiss. Wir verlegten die Strecke und seitdem scheint es zu funktionieren.

 

Seitdem ist parkrun ganz schön gewachsen. Gab es Dinge, die du ändern musstest, obwohl du es nicht wolltest?

 

Wenn ich ehrlich bin, da gab es einiges. Aber es hat sich herausgestellt, dass es so am Besten war.

 

Ich wollte keine Defibrillatoren bei den Events. Beim gesamten Konzept ging es von Anfang an darum alles so einfach wie möglich zu machen. Wir wollten nicht die Organisationsarbeit vergrößern, wir wollten parkrun vergrößern. Aber das war unrealistisch. Wir sind jetzt so groß geworden und haben damit auch eine große Verantwortung. Wir müssen uns immer fragen „Ist es gut für die Gemeinschaft und ist es gut für die Menschen in der Gemeinschaft?“

 

Also geht es eigentlich gar nicht mehr ums Laufen. Laufen ist zwar das, was uns zusammenbringt, aber wenn man sich zum Beispiel die Defibrillatoren anschaut, die wir in die Gemeinden gebracht haben -  Das ist einfach eine Sicherheitsausrüstung, die jetzt die ganze Woche über zur Verfügung steht, nicht nur für die Läufe!

 

Letzte Woche konnten wir jemandem helfen, der gar nichts mit parkrun zu tun hatte. Er war einfach in dem Park zusammengebrochen wo wir gerade einen parkrun ausrichteten.

 

Wenn man sich das kommerzielle Wachstum von parkrun anschaut, das nun einmal unser Überleben und unser Wachstum sichert, dann sind das alles sicher Dinge, die ich nicht geplant hatte. Sie sind einfach passiert. Sie mussten auch passieren. Und zwar auf eine Weise, die unsere grundlegenden Werte nicht verletzten. Wir haben zehn Jahre lang Beziehungen mit Firmen wie Adidas und Nike geknüpft. Diese Beziehungen waren kompliziert. Wir versuchten, sie dazu zu bringen, nichts zu verkaufen. Sie kamen aber natürlich zu uns, weil sie verkaufen wollten.

 

Der gesunde Menschenverstand sagt, dass das Probleme geben mußte.

 

Vor zwei Jahren habe ich Nick Pearson eingestellt. Er und Tom Williams haben professionell daran gearbeitet die Lücke zwischen einer zukunftsfähigen, wachsenden Basis und parkrun zu schließen und dabei unsere Werte im Auge zu behalten.

 

Es gibt Kontrollmechanismen die sicherstellen, dass alles was die Geschäftsführung machen will mit dem Vorstand abgesprochen werden muss.

 

Es gibt also nur sehr sehr wenig was wir gemacht haben, mit dem ich nicht zufrieden bin. Ich glaube, wir sind immer noch sehr nahe an unseren ursprünglichen Werten.

 

Ich mag es, dass man bei parkrun nichts sein muss. Man muss nicht mithelfen. Man kann einfach kommen und mitmachen. Das ist einer unserer Werte.

 

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Aber ohne die Helfer würde es parkrun doch nicht geben?

 

Als Teil einer Gesellschaft hat alles seinen Preis. Alle haben die Pflicht etwas dazu beizutragen, dass der Gesellschaft hilft. Und das Helfer-Modell ist ein Teil davon.

 

„Ich mag es nicht, wenn die Leute sagen ohne Helfer gäbe es keinen parkrun. Ohne Sportlerinnen und Sportler gäbe es doch auch kein parkrun.“

 

Es gibt viele, die jede Woche mit uns laufen und nie mithelfen. Es ist für sie die einzige Möglichkeit einmal rauszukommen und etwas zu machen. Einmal in der Woche. Vielleicht haben sie es zu Hause nicht leicht. Oder auf der Arbeit. Was auch immer es ist: auch für sie wird die Zeit kommen, wo sie etwas zurückgeben können. Wir respektieren das!

 

Anfangs hat mir das viel Kopfzerbrechen bereitet. Vor allem weil ich mich, als ich parkrun gegründet habe, nicht auf die Helfer-Rolle konzentrieren wollte. Laufen war das Wichtigste! Wir haben schnell genug gemerkt: Ohne freiwillige Helfer und Helferinnen läuft gar nichts.

 

Weinig später fiel uns auf: Ehrenamt ist klasse! Es tut so gut und die Menschen die mithelfen, profitieren auf alle möglichen Arten davon. Die Helfer sind der wichtigste Teil davon, anderen zu helfen, ihr Leben zu verändern!

 

Aber man kann sich dabei nicht auf eine Seite konzentrieren und die andere außeracht lassen. Deshalb mag ich es wirklich nicht, wenn Leute sagen ohne Ehrenamtler gäbe es parkrun nicht. Genauso gäbe es parkrun ohne Läuferinnen und Läufer nicht.

 

Warst du je versucht, von einem der zentralen parkrun-Werte abzuweichen?

 

Nein, nie.

 

Wie oft mir die Leute sagen: „Wenn du nur ein Pfund pro Lauf verlangen würdest, das wäre doch in Ordnung.“ Wenn wir das getan hätten, hätten wir 20 Millionen auf der Bank, aber das war nie unser Ziel.

 

Natürlich müssen wir zukunftsfähig bleiben und die Firma professionell leiten, mit einem Budget usw. Aber wir konzentrieren uns nicht auf das Geld. Wir konzentrieren uns auf Gesundheit und Wohlbefinden. Darauf, Menschen zu helfen so gut wir können und die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

 

Ich erinnere mich noch gut an einen Aprilscherz 2012. Damals wurde das Gerücht verbreitet, dass parkrun ab jetzt etwas kosten würde, davon waren einige gar nicht begeistert. Könnte man heute noch so einen Scherz machen, oder würde das zu viel Entrüstung verursachen?

 

Ich finde so einen Aprilscherz völlig in Ordnung. Wir dürfen uns alle nicht allzu ernst nehmen. Natürlich ist unser Markenprofil wichtig und schützenswert, aber 99,9% aller die mit parkrun zu tun haben, wollen einfach nur dass es uns gut geht.

 

Viele Leute machen Fehler. Immer! Und es hätte überhaupt keinen Sinn sich darauf zu konzentrieren Fehler zu vermeiden. Wir haben eine sehr positive, führsorgliche Einstellung zu allen Beteiligten.

 

Ich erinnere mich selbst noch gut an einen Bushy parkrun. Es war so ungefähr die neunte Veranstaltung. Ich war für die Zeitnahme zuständig. Alles lief perfekt und dann kam der letzte Läufer ins Ziel und ich habe die Stoppuhr sofort resettet…

 

Ich musste also 250 Leuten anschreiben und sie nach ihrer Zeit fragen.

 

Hast du eine Lieblingsrolle als Helfer?

 

Ich helfe jede Woche beim Junior-parkrun. Das Team schickt mich immer als Streckenposten raus. Das ist wahrscheinlich am einfachsten. Ich kann die Kinder abklatschen, was natürlich super viel Spaß macht.

 

Wer die Helfer koordiniert hat wahrscheinlich am meisten Verantwortung. Es ist stressig, alle Rollen ausfüllen zu müssen. In 99% der Fälle klappt das gut, es ist trotzdem eine große Herausforderung.

 

Die beiden anstrengendsten Rollen bei der Veranstaltung selbst sind die Zeitnahme und die Ausgabe der Platzierungskarten.

 

Vor allem, wenn man sie fallen lässt…

 

Naja, nicht nur das Fallenlassen ist ein Problem. Sondern schon allein, sie in der richtigen Reihenfolge auszugeben. Ich meine, man will ja auch mit den Leuten reden. Man sagt hallo, oder sie fragen irgendetwas…
Bei einem großen parkrun kommen häufig sechs Leute gleichzeitig ins Ziel. Da muss man sich konzentrieren.

 

Aber es gibt nichts, was ich nicht gerne mache. Die Veranstaltungsleitung kann mit ziemlicher Anspannung verbunden sein. Aber es macht auch sehr viel Spaß, Veranstaltungsleiter zu sein. Viele werden deutlich selbstbewusster und trauen sich dann auch zu in anderen Bereichen vor einem Publikum zu sprechen. Sie konnten es ja bei der Laufleitung ausprobieren.

 

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Machst du dir manchmal Sorgen darum, was bei diesen ganzen Events so los ist? Hast du das Gefühl, du musst alles im Auge behalten?

 

Früher war das so, ja. Ich war so sehr mit parkrun verbunden, dass ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen habe. Ich konnte mich nicht auf die Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig waren, weil ich mich jeden Tag mit so vielen Kleinigkeiten befasst habe.

 

Es ist nicht so, dass ich diese Dinge jetzt nicht mehr sehe. Ich weiß jetzt nur, dass es jemanden aus dem Team gibt, der dafür zuständig ist und sich darum kümmert.

 

Was stört dich mehr, wenn Leute parkrun nicht klein und zusammen schreiben, oder wenn sie es als „Rennen“ oder „Wettkampf“ bezeichnen?

 

Keines von beidem, wenn ich ehrlich bin. 99,9% der Leute wollen einfach nur das Beste für parkrun, und wenn sie es dann falsch schreiben oder Rennen nennen, ist das nicht so schlimm.

 

Die, die es wirklich richtig machen sollten und über die ich mich eventuell wirklich einen Moment lang ärgere sind die, die es eigentlich besser wissen müssten: Firmen, Werbeleute, Reporter und so weiter.

 

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie oft uns jemand schreibt, weil er oder sie eine geschäftliche Beziehung zu parkrun aufbauen möchte und dann schreiben sie parkrun so falsch wie es nur geht und nennen uns im gleichen Satz einen Wettkampf. Das ist wirklich ärgerlich weil diese Leute ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Sie wollen etwas von uns, sind aber nicht bereit auch etwas dafür zu tun. Das ist wirklich unverzeihlich.

 

Ich denke, es ist schlimmer, uns als Wettkampf zu bezeichnen als den Namen falsch zu schreiben. Das stellt unsere Ziele total falsch dar.

 

Weil es dadurch weniger an Inklusion zulässt?

 

parkrun als Wettkampf zu bezeichnen spräche uns eine andere Rolle zu als die die wir innehaben. Die Tatsache, dass wir kein Wettkampf sind ist ein Grundprinzip unserer Organisation. Es unterstreicht all unser Handeln und Tun.

 

Wir sind definitiv kein Wettkampf, wir sind ein schöner Lauf im Park mit Freunden.

 

Es ist schön, dass der Fokus immer auf etwas anderem liegt, als nur so schnell wie möglich zu laufen. Gibt es besondere Momente, die dich inspiriert haben oder die dir aus einem anderen Grund im Gedächtnis geblieben sind?

 

Da gibt es jede Woche etwas. Letzte Woche war ich zufällig in Liverpool im Prince’s Park und ich glaube, es gab an dem Tag mindestens zehn solcher Momente.

 

„Wir haben alle drei wegen parkrun aufgehört zu trinken. Wir waren Alkoholiker.“

 

Es gibt keine einzige Woche, in der nicht irgendjemand zu mir sagt, dass parkrun sein Leben verändert hat. Manchmal ist das nur, weil diese Person ein neues Hobby entdeckt hat oder abgenommen hat. Aber dieses Wochenende ist etwas passiert, was mir völlig neu war.

 

Drei Männer kamen am Ende des Laufes zu mir und sie sagten das übliche. „Hi, Paul, wir wollten uns bei dir bedanken. parkrun hat unser Leben verändert.“ Ich erkundige mich dann immer, wie genau es das getan hat und sie sagten: „Oh, das ist wahrscheinlich ziemlich ungewöhnlich, aber wir haben alle drei wegen parkrun mit dem Trinken aufgehört. Wir waren Alkoholiker.“

 

Diese drei völlig unterschiedlichen Männer sagten mir, dass die kostenlosen, wöchentlichen 5Km im Park ihnen die Kraft gegeben hatte eine Sucht aufzugeben die sie umgebracht hätte.

 

Wenn man das einmal genauer betrachtet geht es dabei nicht ums Laufen. Natürlich sorgt das Laufen dafür, dass man sich gesünder fühlt. Und je gesünder man sich fühlt, desto mehr konzentriert man sich auch auf seine Gesundheit. Es geht jede Woche vorwärts. Immer dann wenn man merkt: heute ging es wieder ein bisschen besser.

 

Aber das alleine ist es auch nicht. Was sie wirklich gerettet hat, ist die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft die dich aufnimmt, die Offenheit und die Wärme die dir entgegen gebracht wird und dich Teil dieser Gemeinschaft werden lässt. Jeder interessiert sich für deine Geschichte. Alle sind bereit dich zu unterstützen und in einem gewissen Grad etwas beizutragen.

 

Das ist großartig. Ich meine, wenn man das in Flaschen füllen und verkaufen könnte, würden wir in einer komplett anderen Gesellschaft leben.

 

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Melden sich viele Leute bei dir, die das parkrun Modell für andere Sportarten verwenden möchten?

 

Sehr oft. Wir machen ihnen klar, dass es bei parkrun um die 5Km bzw. um die 2Km beim Junior parkrun geht. Wir werden parkrun dahingehend nicht verändern oder andere Distanzen hinzufügen. Uns ist die Gemeinschaft wichtig und wenn es passt helfen wir natürlich allen zu verstehen wie parkrun funktioniert, sodass sie das System auf ihre Sportart ausweiten können.

 

Wir haben uns schon mit jedem Sportverband des Landes getroffen. Schwimmen, Golf, Fußball, Hockey, einfach alles.

 

Ich glaube es gibt einfach viel, was man von parkrun lernen kann. Obwohl es natürlich jeder profitorientierten Organisation schwerfallen wird unser Modell anzuwenden oder überhaupt begreifen wird was wir tun.

 

Es gibt weitere Herausforderungen. Ich habe mit der Organisation zusammengearbeitet, die Ride London (ein Fahrradevent) ausrichtet. Wir haben versucht, „parkride“ ins Leben zu rufen. Aber es wurde einfach nie so ein Erfolg wie parkrun, weil es nicht viele Parks gibt, in denen eine Gruppe von Leuten im Kreis radeln kann.

 

Ich glaube, für Schwimmen funktioniert es ganz gut, solange man es schafft, dass die Schwimmbadbesitzer das Schwimmbad dafür zur Verfügung stellen. Es kostet vielleicht einiges das Bad für eine Stunde in der Woche kostenlos zu öffnen. Wenn dadurch aber mehr Menschen anfangen zu schwimmen, lohnt es sich doch wieder.

 

parkrun gibt es mittlerweile auf der ganzen Welt, alleine hier in England gibt es hunderte an Veranstaltungsorten. War es irgendwo besonders schwierig?

 

In jedem neuen Land gibt es anfänglich alle möglichen Probleme. Das sind wahrscheinlich dieselben, die wir anfangs hier in England hatten. Es gab in den ersten Jahren sehr viel Widerstand gegen parkrun.

 

Es gibt Parks, die uns wieder weggeschickt haben. Wenn so etwas passierte, haben wir einfach woanders weitergemacht. Wir verschwenden keine Energie auf einen Kampf, den wir nicht gewinnen können.

 

Gibt es interessante Fakten über parkrun, die den Leuten vielleicht gar nicht bewusst sind?

 

Ja, schon. Ich startete in einem Halbmarathon mit Haile Gebrselassie. Nach dem Lauf habe ich Haile gebeten mir zwei Autogramme auf parkrun-Platzierungskarten zu geben. Irgendwo in meinem Büro habe ich also zwei signierte Platzierungskarten von Haile Gebrselassie. Ich weiß immer noch nicht genau was ich damit anfangen soll. Vielleicht werden sie irgendwann versteigert oder als Preise vergeben oder so.

 

In deinem Büro finden sich wahrscheinlich noch ganz andere interessante Dinge?

 

Die ersten Zielmarken, die habe ich damals bei Halfords (einem Baumarkt) gekauft und die Nummern drauf gestempelt. Es gibt auch noch ein paar alte T-Shirts, aber eigentlich hänge ich nicht besonders daran.

 

Als wir mit Nike zusammengearbeitet haben, haben sie mir ein paar goldene Pegasus Laufschuhe gemacht, auf denen auf beiden Seiten parkrun steht. Ich habe sie nie getragen.

 

Traust du dich sie zu tragen?

 

Ich glaube nicht, dass ich das tun werde. Ich sehe mich nicht so richtig in goldenen Schuhen.

 

Vielleicht würdest du dann noch mehr auffallen. Kommt es vor dass du zum parkrun gehst und man dich nicht beachtet? Oder wollen die Leute immer den Gründer begrüßen?

 

Eigentlich immer. Bei parkruns an denen ich vorher noch nie teilgenommen habe, ist es meine Aufgabe mich mit den Leuten zu treffen die diese Veranstaltung möglich machen. Ich treffe diese Leute einfach gerne weil sie toll sind. Aber genauso gerne mag ich es einfach nur parkrunner zu sein und mitzulaufen.

 

Wenn ich zu einem der ersten parkruns gehe, werde ich meistens gar nicht beachtet. Die Leute verhalten sich ganz normal. Bushy? Niemals. Ich meine, ich habe viele Freunde dort die mich kennen und das ist toll so. Aber sie veranstalten kein besonderes Brimborium. In Wimbledon und Barnstead ist es genauso.

 

Darfst du einen Lieblingsparkrun haben?

 

Nein, aber ich sage immer, dass ich den parkrun am liebsten mag wo die Gemeinschaft am stärksten ist. Und es gibt so viele tolle parkrun-Gemeinschaften.

 

Das ist das Gute an parkrun. Es gibt kein allgemeines Image. Jeder parkrun hat sein eigenes Image. Jede parkrun-Veranstaltung ist eine Gemeinschaft und diese Menschen tun das, was sie tun nicht für parkrun, sondern für ihre Gemeinschaft. parkrun ist nur der Kleber, der alles zusammenhält.

 

Und das Leben der Menschen verändert?

 

Letztendlich bist du selbst der einzige Mensch, der dein Leben verändern kann. Als ich mit parkrun angefangen habe, war mein ganzes Leben gerade komplett den Bach runtergegangen und ich habe mich bewusst dazu entschieden, das wieder in Ordnung zu bringen.

 

„Wenn du dein Leben interessant halten willst, lernst du pro Jahr zwei neue Dinge.“

 

Ich hatte gesehen, dass es ein paar Dinge gab die ich tun könnte um das wieder aufzubauen was in meinem Leben kaputtgegangen war. Meine Beziehungen, meine Fitness, mein emotionales Wohlbefinden, meine Arbeit und so weiter. Ich entschied mich also wieder mit dem Laufen anzufangen und für das Gleitschirmfliegen. Dann entstand parkrun und wurde so wichtig, dass ich mit dem Gleitschirmfliegen aufhören musste.

 

Es ist dieselbe uralte Geschichte: Wenn man sein Leben interessant halten will, sollte man im Jahr zwei neue Dinge lernen. Das hält dich jung und frisch. Eine neue Sprache, vielleicht ins Theater gehen. Mein bester Freund hat mit vierzig schwimmen gelernt.

 

Millionen von Menschen verändern ihr Leben. Sie benutzen vielleicht parkrun dafür, weil es sie mitnimmt, einfach und unkompliziert ist, und ihnen Mut macht. Es führt die Leute sozusagen zur Veränderung. Sie sagen dann immer: „parkrun hat mein Leben verändert“ aber in Wirklichkeit waren sie es selbst.

 

Das Laufen an sich ist nur laufen. Es passieren tolle Sachen, aber das allein verändert noch kein Leben. Was diese Leben wirklich verändert, ist dass es jede Woche passiert und dass es diese Gemeinschaft gibt die die Leute darin unterstützt so gut zu sein wie sie können.

 

Warst du schon immer eher ehrgeizig?

 

Ich war von Anfang an ehrgeizig, ja. Wenn du die Leute fragst, die mit mir zusammenarbeiten mussten, sagen sie dir wahrscheinlich, dass ich ein verdammter Idiot war.

 

„Wenn du die Leute fragst, die früher mit mir zusammenarbeiten mussten, sagen sie dir wahrscheinlich, dass ich ein verdammter Idiot war.“

 

Ich hatte immer meine eigene Meinung, kannte sehr klar die Antwort und schreckte auch nicht davor zurück andere anzuweisen wie sie dort hinkommen. Ich glaube ich war einfach unreif. Ich konnte ja nichts anderes tun als meine Ziele zu setzen und dann alles zu tun um auch dorthin zu kommen.

 

Ich litt viel unter Depressionen und Laufen war immer etwas, das mir geholfen hat die Kontrolle zu behalten. Eine lange Zeit wurde alles einfach immer besser. Ich heiratete, bekam Kinder, wurde befördert, ich konnte reisen und alle möglichen tollen Sachen machen.

 

Aber wenn man dann einen Punkt erreicht, an dem einfach nichts mehr geht, muss man den Blick nach innen richten und sich fragen, was man tun kann. Wie kannst du dich verändern? Und die Antworten kommen nicht immer schnell, manchmal dauert es sogar sehr lange.

 

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Man muss schon sehr viel Glück haben, um nicht einmal im Leben einen Punkt zu erreichen an dem man es komplett neu aufbauen muss. Ich glaube wir alle machen einen Prozess durch, bei dem wir Dinge verändern und reparieren wollen. Und wenn du so etwas wie Laufen in deinem Leben hast und dann auch noch eine Gemeinschaft wie parkrun die dich unterstützt, dann ist die Chance relativ groß, dass du die richtigen Entscheidungen triffst und dein Leben wieder in eine gute Richtung lenkst.

 

Eine letzte Frage, die wir allen stellen: Wenn du dir aussuchen könntest, gegen wen du laufen möchtest – jede Sportlerin, jeden Sportler, egal von wann, egal von wo, egal in welchem Rennen, was würdest du dir aussuchen?

 

Ich habe schon ein paar sportliche Helden. Menschen, die ich wirklich bewundere, zum Beispiel Zátopek, Haile Gebrselassie, Dave Moorcroft, Bruce Fordyce, Usain Bolt, Mo Farah. Es gibt da eine ganze Liste von Menschen von denen ich finde, dass sie einfach tolle Leute sind und außerdem Unglaubliches geleistet haben.

 

Aber wenn ich mir mein eigenes Fantasierennen ausdenken könnte, dann wäre das ein Marathon in dem ich unter zweieinhalb Stunden bleibe und Zweiter hinter Nelson Mandela werde.

 

Wäre es ein knappes Ergebnis?

 

Oh, ja, wir würden den ganze Lauf gemeinsam laufen. Es ist ein Wettkampf, also würde ich versuchen ihn einzuschüchtern und umgekehrt.

 

Nelson Mandela ist also einer deiner großen Helden?

 

Er steht ganz oben auf der Liste. Es gibt andere sehr, sehr wichtige Leute. Aber er ist definitiv ganz vorne mit dabei. Bestimmt weil ich in Afrika geboren wurde und er so viel für diesen Kontinent getan hat. Ich finde er hat der Welt gezeigt, dass man großzügig sein kann und gütig und nachsichtig und trotzdem ein Gewinner. Man muss nicht gemein sein, um zu gewinnen. Um ehrlich zu sein: dieses Prinzip gibt es auch bei parkrun und ich glaube, dass viele der Angestellten von parkrun sehr zufrieden sind gerade weil wir so unser Leben leben. Wir sind ein Teil von etwas dass uns wirklich wichtig ist.

 

Das klingt wie der perfekte Schlusssatz. Vielen Dank, dass du dir für uns Zeit genommen hast, Paul. Wir sehen uns beim parkrun.

 

Quelle: runbundle.com

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