Nachrichten - 13th November 2019
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Niemand wird zurückgelassen

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Bei einem Kaffee nach einem Lauf im vergangenen Winter sagte ein parkrunner „Mein Körper zerfällt“. Ein Neuling in der Gruppe warf ein „Lass mich Dir erzählen, was das wirklich bedeutet“

 

Neil Jograj weiß wirklich, was es heißt, wenn ein Körper mit den Folgen einer 20-jährigen Militärkarriere zu kämpfen hat. Aber man sieht ihn beim College Park parkrun immer nur lächelnd, wenn er seine blinde Frau Julie als Guide begleitet. Kürzlich war er sehr überrascht, als „Läufer des Monats“ ausgewählt zu werden. In der Folgewoche überraschte er sich selbst, als er als Laufleiter debütierte.

 

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Wie alles anfing

 

Neil und Julie haben einen sehr unterschiedlichen sportlichen Hintergrund:
Neil machte in jungen Jahren viel Sport „In der High-School bin ich laufen gegangen, habe Fußball gespielt und noch einiges mehr. In der Marine war ich Fitness-Koordinator für unseren Bereich. Ich lief Rennen über 5 und 10 Kilometer, aber auch Halbmarathon und Marathon Außerdem bin ich gerne geschwommen.“
Julie war nicht so sportlich. Sie war eine talentierte Wissenschaftlerin, Sport machte sie eher nebenbei, um fit zu bleiben. Während ihrer Collegezeit in New Orleans ging sie manchmal sonntagmorgens mit einer Freundin joggen, aber mehr um nach Jungs Ausschau zu halten.

 

Das Leben ändert sich

 

Als Julie 21 Jahre alt war wachte sie eines Morgens blind auf. Das machte natürlich vieles schwierig, aber sie ist eine sehr starke Frau und schlug sich tapfer, vor allem im Beruf, aber körperlich fit zu bleiben war schwer.
Neils Marine-Karriere führte ihn rund um die Welt, auch in den Irak, aber seine Gesundheit litt schwer darunter. Nach seinem Ausscheiden aus der Armee entwickelte er eine sogenannte Knochennekrose, ein Knocheninfarkt, bei dem Teile des Knochengewebes absterben. Er hatte neun Operationen innerhalb von vier Jahren. Julie: „Mein Haus ist ein Friedhof für medizinische Gerätschaften, Rollstuhl, Gehhilfen, Rollatoren.“ Röntgenaufnahmen von Neils Bein zeigen, dass große Stücke des Knochens schon fehlen.

 

Eine Abmachung

 

Als die beiden Anfang 40 waren, wurde ihnen klar, dass sie etwas in ihrem Leben ändern müssen. Neils Gesundheit war arg angegriffen und die beiden wollten nicht, dass er ein Patient mit einer chronischen Behinderung wird. Mit 42 Jahren wurde Julie bewusst, dass sie nicht nur ihr halbes leben blind war, sondern auch außer Form. „Ich sagte mir, ich kann nichts daran ändern, dass ich blind bin, aber ich kann fitter werden. Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird einfach nichts passieren.“
Julie arbeitet für ein Gesundheitsprogramm der Marine und war umgeben von Leuten, die sportlich und gut in Form warfen. „Bei meiner Arbeit kann ein Dutzend Donuts mitbringen und niemand würde sie anrühren. Das ist wirklich unglaublich verrückt.“ Julie wollte loslegen, aber sie fühlte sich nicht wohl dabei, in der Öffentlichkeit Sport zu treiben, also begann sie zunächst ihr Training alleine auf einem Crosstrainer.

 

Mit der Zeit wurden Neil und Julie zusammen immer fitter. Neil: „Mit Julie entdeckte ich meine Liebe zum Segeln, Indoor-Klettern und anderen Sportarten. Wir fahren Tandem, wandern und laufen.“ Sie segelten mit einer 35-Foot-Schaluppe die us-amerikanische Ostküste hoch und runter, von Virginia nach Connecticut und Martha’s Vineyard. Am morgen ihrer Hochzeit segelten sie sogar bei einer Regatta mit.

 

Neils Unerbittlichkeit im positiven Sinne macht einen Großteil ihrer Geschichte aus. Man sieht ihn fast immer nur lächelnd. „Nach 20 Jahren in der Marine lernt man, das Leben mit der Perspektive zu betrachten, dass in allem Freude steckt. Ich habe eine realistischere Einstellung nach dem Rückgang meiner Sehkraft, der Verschlechterung meiner Knochen und Tonnen anderer verrückter Veränderungen an meinem Körper. Das hat mich dazu gebracht, noch mehr an den Dingen festzuhalten, die ich schätze. Egal was passiert, das Leben hält mich stark und motiviert. Wenn ich der Positive bin, wenn die Hölle losbricht, werden sich die Leute auf das Positive konzentrieren, und wir werden alle gemeinsam Erfolg haben. “

 

Julie: “Ich bin schüchtern. Neil weiß nicht einmal, was schüchtern ist. Er hat noch nie jemanden getroffen, der nicht sein Freund ist. ”

 

Zusammen laufen

 

Neil und Julie haben erst vor relativ kurzer Zeit angefangen, zusammen zu laufen. Sie haben ihre ersten 5 km bei einem Thanksgiving-Lauf 2017 absolviert. Es hat Spaß gemacht, war aber eine einmalige Sache, weil solche Läufe zu teuer für die beiden waren. Julie fing an, sich nach anderen Optionen umzusehen. „Ich habe nach etwas gesucht, das für uns wichtige Dinge zusammenbringt: Gesundheit, Menschen und Essen. Beim Essen ist alles besser! ”

 

Und so tauchten die beiden eine Woche nach ihrem Thanksgiving-Lauf erstmals beim College Park parkrun auf. Sie liefen langsam im hinteren Teil des Feldes, aber sie fühlten sich sofort dazugehörig. Neil: „Niemand wird zurückgelassen, niemand wird Letzter und niemand ist ein Verlierer.“ Um sie herum waren ein 80-Jähriger, ein Vierjähriger, eine muslimische Frau, die in einer Abaya läuft, und ein Walker. Alle hatten ein Lächeln auf den Lippen. Beim Kaffee nach dem parkrun lernten sie viele neue Leute kennen und versprachen wiederzukommen.

 

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Nach ein paar parkruns engagierten sie sich als Freiwillige, meist in Rollen, in denen sie noch Sport treiben konnten. „An Tagen, an denen einer von uns langsam laufen mag, ist es großartig, wenn wir uns mit den Walkern unterhalten oder uns freiwillig als Schlussbegleitung melden.“ Im Schnitt brauchen die beiden etwa 50 Minuten für den parkrun, ihre Bestzeit liegt bei rund 40 Minuten.

 

Zu Silvester waren sie dann erstmals als parkrun-Touristen unterwegs und besuchten den Clermont parkrun in Florida. Sie waren auch dabei als an einem Januarmorgen mit Temperaturen im einstelligen Fahrenheit-Bereich der kälteste parkrun im College Park verzeichnet wurde und besuchten den Kensington parkrun aus, als er im März unweit des College Parks eröffnet wurde.

 

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Das Kommando übernehmen

 

An einem Augustmorgen als Neil Schlussbegleitung war überraschte ihn das College-Park-Team mit der Auszeichnung als „parkrunner des Monats“ als Anerkennung seiner positiven Beiträge für die Community. An diesem Tag sah Neil, dass die Rolle des Laufdirektors in der nächsten Woche noch offen war und sagte: „Ich kann das übernehmen!“ Er war sich nicht sicher, was genau auf ihn zukam, aber er wusste, dass er alle nur erdenkliche Unterstützung bekommen würde.

 

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Andrea Zukowski, Co-Event-Direktorin, war an dem Tag, als Neil an der Spitze des Teams stand, nicht da, aber sie stellte eine Mischung aus erfahrenen und neuen Helfern auf, um ihn zu unterstützen.

 

Neil war nervös, alles richtig zu mache — und das überraschte ihn. „Ich habe viele arbeitsbedingte Stresssituationen erlebt, aber ich hatte nie damit gerechnet, nervös zu werden, wenn ich Spaß habe.“ Ein paar Leute erscheinen früh zum parkrun, aber die meisten strömen kurz vor 9 Uhr in den Park. Und nachdem die ersten Läufer zurückgekehrt sind, herrscht in der nächsten halben Stunde reges Treiben, bevor das Team zusammenpackt und sich ins Café zurückzieht, um die Ergebnisse zu veröffentlichen.
Julie: „Ich war begeistert, dass Neil Laufleiter war. Er hat endlos viel Energie und er liebt es, Anweisungen zu geben. So etwas wie ein Chef der Marine, der Befehle erteilt. “

 

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Eine Priese Mama

 

Zu diesem Anlass brachte Neil auch seine Mutter mit. Dottie Jograj ist eine bezaubernde 70-jährige jamaikanische Frau, die zwar regelmäßig walkt, es aber nicht gewohnt ist, bis zu 5 Kilometer zu laufen. Dottie war stolz darauf, in Begleitung von Julie und der stellvertretenden Walking-Anleiterin Anna die gesamte Strecke zu laufen. Und sie war genauso stolz darauf, dass ihr Sohn die Veranstaltung leitete.

 

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Dottie fühlte sich genauso willkommen wie Neil und Julie und sie war ebenfalls überrauscht, dass alles sich so gut zusammenfügte. Also kam sie in der nächsten Woche immer wieder. Diesmal liefen Neil und Julie wieder zusammen. Aber Dottie hatte bereits eine parkrun-Freundin, Anna, mit der sie in der vergangenen Woche gegangen war.

 

Wenn du Dottie triffst, verstehst du, woher Neil einige seiner Ansichten hat. Julie: „Es war großartig, Dottie mitzubringen. Sie eine tolle soziale Ader und ist am glücklichsten mit anderen Menschen. Es ist ein guter Start ins Wochenende. Du stehst auf, du bewegst dich. Es gibt gute Gespräche. Ich muss mir nie Sorgen machen, dass Dottie keinen Anschluss findet “

 

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Einfache Bedürfnisse

 

Neil und Julie sind dankbar für das, was parkrun ihnen gibt.

 

Julie: „parkrun ist eine ermutigende Gruppe von Menschen, die uns dazu gebracht hat, ein bisschen mehr zu tun, ein bisschen mehr zu sein und ein bisschen mehr zu geben. Menschen haben zwei Bedürfnisse: Zugehörigkeit und Bestimmung. Vielen Dank, dass es College Park parkrun gibt. Es bedeutet uns mehr, als man sich vorstellen kann.“

 

Neil: „Ich ermutige meine Freunde beim „Wounded Warrior Program“, bei parkrun mitzumachen. Andere Veteranen brauchen die Community, die parkrun bietet.“

 

Aber bei College Park parkrun sind wir Neil und Julie ebenso dankbar für die Inspiration und Wärme, die sie der Community entgegenbringen. Wir haben alle Probleme und wir haben Höhen und Tiefen im Leben, aber diese beiden erinnern uns daran, das Positive zu sehen.

 

Das letzte Wort hat Julie: „Meine Mutter sagte etwas zu mir, als ich 21 und noch im Krankenhaus war. Ich könnte ein ganz normales Leben führen. Wir müssen nur herausfinden, wie. Meine Lebensziele haben sich nie geändert. Neil hat sich nie verändert. Wir haben den Weg verändert der uns dorthin bringen wird.“

 

Colin Phillips
Co-Event-Leiter, College Park parkrun

 

Link zum englischen Originalartikel
https://blog.parkrun.com/us/2018/08/29/nobody-left-behind/

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